KLARTEXT mainzer ärzteforum 28.11.2018

 

 

Ein – auch gesellschaftspolitisch – wichtiges Thema ist die Organspende

 

 

Das Thema wurde aus medizinischer und juristischer Sicht beleuchtet:

 

Zuerst referierte Frau Priv.-Doz. Dr. G. Greif-Higer, MAE, Geschäftsführende Ärztin des Ethikkomitees, Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie,  Universitätsklinik, Mainz
zum Thema: Belastung der Entscheidung zur Organspende und der Problematik der Todesdefinition und -feststellung

„Organspende ist in Deutschland immer noch ein Tabuthema. Je besser und umfassender man informiert ist, desto fundierter kann man eine eigene Position entwickeln und die Spendenbereitschaft, die in den letzten Jahren durch Organspendeskandale gesunken ist, würde steigen!“, so die Referentin.+

Eine Lebendorganspende  ändere immer und für immer das Leben des Patienten/Empfängers und des (potentiellen) Spenders und meist auch das der zugehörigen Familien und der ganzen sozialen Umgebung. Das beginne bereits mit der Bitte um eine Organspende oder sogar das Nachdenken über die Möglichkeit Organspender zu werden. Es gibt keine Möglichkeit, das ungeschehen zu machen!

Bei der postmortalen Spende gibt es in Deutschland die sogenannte „Entscheidungslösung“. Die Organentnahme nach dem Hirntod bedarf der Zustimmung durch Spender, zum Beispiel in Form eines Organspendeausweises. Hat der potentielle Spender seinen Willen nicht festgehalten, entscheiden stellvertretend die Familienmitglieder. Nur 20 Prozent träfen bisher eine dokumentierte Entscheidung. Die Mainzer Ärztin, die Transplantierte und Wartepatienten betreut, erklärte die Folgen des Organmangels: Bei Erkrankungen der unmittelbar lebenswichtigen Organe müssten Erkrankte sterben, denen man eigentlich noch zu einem guten Leben verhelfen könnte. Aufgrund der langen Wartezeit sinke die Lebensqualität der Patienten und Folgeerkrankungen könnten zunehmen. Gleichzeitig würden die Erfolgschancen für den Empfänger sinken. Hier stehe die Transplantationsmedizin vor einem Dilemma: Sollen Organe nach Dringlichkeit oder nach Erfolgsaussicht verteilt werden? Ein weiteres ethisches Dilemma bestehe darin, dass etwa 50% der transplantationswürdigen Organerkrankungen lebensstilassoziiert sind.

Die Transplantationsmedizin sei eine Hochleistungsmedizin mit hoher Erfolgsquote, jede derartige Entscheidung betreffe eine große Zahl von Personen: Spenderorgane seien Voraussetzung, Organmangel begrenze die Transplantationshäufigkeit, problematische Situationen entstünden im Bereich der Transplantation. Die meisten Menschen erkennten  zwar die Notwendigkeit an, entschieden sich allerdings nicht aktiv dafür.

Die Entwicklung der Transplantationsmedizin sei beeindruckend: 1954 die erste Nierentransplantation, 1967 die erste Herztransplantation. Ab 1980 wurde die Problematik der Abstoßungsreaktion durch moderne Immunsuppressiva wie Cycosporin  deutlich verbessert.

   

Die Referenten

 

Danach sprach Prof. Dr. Friedhelm Hufen,  o. Professor für Öffentliches Recht, Staats- und Verwaltungsrecht, Joh.-Gutenberg-Universität, Mainz;  Mitglied des Verfassungsgerichtshofs Rheinland-Pfalz a.D.
über die juristischen Probleme: Verfassungsrechtliche Aspekte der Organtransplantation, insbesondere der Widerspruchslösung

Herr Prof. Hufen legte die Problematik aus einer Reihe von Aspekten, wie Menschenwürde, Grundrechte, postmortalem Entscheidungsrecht u.a. dar.

Die Einführung der Widerspruchslösung wäre ungeachtet aller zu erwartenden politischen Widerstände, jedenfalls aus verfassungsrechtlicher Sicht in der Gesamtwürdigung aller Aspekte durch Prof. Hufen, unbedenklich. Von entscheidender Bedeutung sei allerdings, dass die Organisation und die Verfahren für die Organspende so ausgestaltet werden, dass Irrtum und Missbrauch ausgeschlossen seien. Der Widerspruch müsse aus der Sicht der Bürger jederzeit und unbürokratisch möglich sein und in einem zentralen Register, dem Personalausweis, dem Führerschein oder einer Gesundheitskarte dokumentiert werden. Es müsse unter allen Umständen sichergestellt werden, dass ein Widerspruch im Ernstfall Beachtung findet.

 

Zuhörer

 

   
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